Tupac Shakur / The Rose that grew from concrete (1999)

Vor einigen Monaten lass ich einen Text, der jetzt irgendwo auf einem vergessenen Stapel liegt, über die Nutzung von Rechnern durch sozial benachteiligte Jugendliche in den USA. Forschende hatten eine kleine Anzahl von Jugendlichen mit neuen Rechnern ausgestattet und führten über Monate immer wieder Gespräche mit ihnen darüber durch, was sie eigentlich mit diesen Rechnern machten. Es ging um Möglichkeiten des Empowerment und wie es gelingen kann, ohne viel vorzugeben.

Die Ergebnisse waren okay. Fast alle Jugendlichen benutzten die Rechner reflektiert. Dazu trugen auch die Gespräche bei. Wer ständig gefragt wird, was sie oder er so macht, denkt auch darüber nach etc. pp.

Zwei dieser Jugendlichen begannen, Gedichte zu schreiben. Das war vielleicht das unerwartetste Ergebnis. Sie lernten nicht nur, den Rechner gezielt für bestimmte Aufgaben einzusetzen, sondern halt auch, Lyrik zu machen. Im Text stand der schöne Satz, dass sie beide positiv davon überrascht wurden, herauszufinden, dass Tupac Shakur als Jugendlicher Gedichte geschrieben hatte, bevor er zum Rapper wurde. Ich muss sagen: Auch ich war davon überrascht und wie die Jugendlichen war ich sofort daran interessiert, diese Texte zu lesen. Auch ich habe davor erst durch den Text gehört. Wie gesagt: Es hat einige Monate gedauert, bis ich das Buch mit den Gedichten, The Rose that grew from concrete, endlich hatte.

Wir reden nicht von einem umfangreichen Oeuvre, sondern einem sehr sehr kurzen Buch, 150 Seiten insgesamt, mit allem Padding, welches dem Verlag irgendwie eingefallen ist: Vorworte, jedes Gedicht als Faksimile auf einer und als Drucktext auf der gegenüberliegenden Seite, kontextlose Bilder von 2Pac. In einem Vorwort wird, neben dem ganzen Abfeiern von 2Pac, erwähnt, dass die Gedichte eingesetzt werden, um Jugendliche an Lyrik heranzuführen. Und genau dafür sind sie auch da.

Es sind Gedichte eines Jugendlichen, der mit 16, 17, 18 versucht, Gedichte zu schreiben. Nicht mehr. Die Texte sind in der Schrift eines Jugendliche auf Schreibblöcke, die in der Schule genutzt werden, niedergeschrieben und gemalt. Die Themen sind fast durchgängig die, welche von solchen Gedichten zu erwarten sind: Mehrere grosse Lieben und Freundschaften, mehrere Abschiede, oft auch der unverstandene Jugendliche, der seinen Weg finden muss. Sicherlich: 2Pac war keine behüteter Gymnasiast, der im Reihenhaus der heilen Familie diese Gedichte verfasste, sondern ein afroamerikanischer Jugendlicher mit einer alleinerziehenden Mutter und lebte in Armut. Aber: Man sollte nicht erwarten, dass sich dies gross in den Texten spiegeln würde. Ein paar Mal bezeichnet er die Mutter als Held, eine paar mal wird darauf angespielt, dass das Leben hart ist (aber nicht, was genau das heisst), einige wenige Gedichte klagen den Rassismus an. Aber wer erwarten würde, irgendwie den späteren 2Pac mit seinen harten lyrischen Worten, mit seiner Wut, mit seinem Flow, seinen zur Tat auffordernden Texten und seiner – für einen Rapper mit seinem Appeal – erstaunlich politischen Haltung in diesen frühen Gedichten zu finden, wird enttäuscht. Davon findet sich hier filmnichts. Während in seinen Raps oft klar wird, dass die Welt, wie sie ist, grundsätzlich falsch eingerichtet ist, findet sich in seinen Gedichten die Aussagen wie die, dass Nelson Mandela ein starker Mann ist und seiner Feinde moralisch falsch handeln – was richtig ist (Mandela sass damals noch auf Robben Island im Gefängnis), aber auch von hunderttausend anderen in der gleichen Wiese gesagt wurde.

Die Gedichte zeigen nichts vom späteren 2Pac. Das lyrische Ich ist immer der Autor selber, es gibt keinen Flow, keinen lyrischen Bilder die überraschen. The Rose that grew from concrete als Bild für 2Pac selber ist noch der beste lyrische Einfall des gesamten Buches und hat es dann ja auch in den Titel geschafft. Es sind frühe Versuche eines Jugendlichen. So, wie Millionen andere Jugendliche Versuche mit Lyrik machen und sich gegenseitig hin- und herschicken. Das ist überhaupt nicht zu kritisieren. Wer hätte das nicht gemacht beziehungsweise wer schreibt solch Gedichte nicht immer noch von Zeit zu Zeit in kleine Notizbücher, die niemals von jemand anders gesehen werden? Aber: Diese Versuche werden gerade nicht veröffentlicht. Sie sind für die Schreibenden wichtig, weil sie helfen, mit ihrem Leben, ihrer Situationen, ihren Gefühlen und auch mit Sprache umzugehen. Wie gesagt: Kleine Notizbücher, die (fast) niemand anders je sieht. Auch diese Gedichte hätten unveröffentlicht bleiben können. Die Welt wäre nicht ärmer gewesen dadurch.

Nur: Das ist 2Pac, längst zur Ikone geworden, längst erschossen und ein Vorbild. Es klar, dass diese Gedichte genutzt werden können, um Jugendlichen zu zeigen, dass sie dies auch können, dass Lyrik kein rein verkopftes Ding ist, das sie nicht berührt; sondern dass selbst solche lyrischen Helden wie 2Pac Gedichte geschrieben haben, die auch sie als zeitgenössische Jugendliche schreiben können.

Das Buch ist ein Fan-Item. Oh mein Gott, Tupac Shakur hat Gedichte geschrieben! Die muss man haben. (So bin ich ja auch zu dem Buch gekommen.) Mehr nicht.

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