Antje Schrupp: Vote for Victoria!. Das wilde Leben von Amerikas erster Präsidentschaftskandidatin Victoria Woodhull (1838-1927). Sulzbach/Taunus: Ulrike Helmer Verlag, 2016

Wieder keine US-amerikanische Präsidentin. Im Zeitraum der Wahlkampagne von Hillary Clinton erschien – offensichtlich, aber auch thematisch passend als Cash-In – diese Biographie zu Victoria Woodhull. (Die Autorin, Antje Schrupp, hatte schon 2002 eine Biographie Woodhulls vorgelegt.) Das Buch ist schon wegen der in ihr geschilderten Lebensgeschichte eingängig und interessant. Im Gegensatz zu zahllosen anderen unlesbaren Biographien, bleibt der Text eng am Leben Woodhulls und verzichtet auf unnötige Spekulationen. Deshalb ist das Buch aber auch nicht mit einem Roman zu vergleichen, wie auf dem Klappentext behauptet wird, sondern erfrischend faktenbasiert.

Woodhull war, wie ich erfahren durfte, eine erstaunliche und erstaunlich aktive Frau der Umbruchzeit im 19. Jahrhundert, zulängst in den USA, also in der Zeit der rabiat schnellen und durchgreifenden Industrialisierung inklusive aller gesellschaftlichen Bewegungen, bei Woodhull unter anderem der kommunistischen, der ersten Frauenbewegung, der heftigen Debatten um die Frage, wie und in welcher Form Menschen miteinander leben sollten (ob in Ehe oder in Freier Liebe). Das alles verbunden in einem Leben, welches in einer Familie startet, die sich vor allem durch Betrügereien und Prostitution über Wasser hielt, dann für Woodhull zu grossem Reichtum dank Börsenspekulation (und Verbindung zu reichen Männern) und dem Aufbau der ersten von Frauen (und für Frauen) geführten Brokerfirma der Welt führte und am Ende – mit einer Ehe – in England endete. Woodhull ist in ihrer Zeit in den USA nicht nur reich geworden, sondern aggierte als eigenständige Vertreterin radikaler politischer Bewegung, die sie nicht einfach unterstützte, sondern in die sie selber intervenierte. Sie verstand sich als eine Frau aus den unteren Schichten und aus dieser Position heraus vertrat sie z.B. die Meinung, dass die Frage des Frauenwahlrechts nicht die Hauptfrage der Frauenbewegung sein konnte. Sie nahm eine Position gegen die bürgerlichen Frauen ein, welche die Bewegung prägten, und vertrat radikalere Positionen im Hinblick auf die Veränderung der Gesellschaft. Genauer war sie der Meinung, Frauen müssten sich ihre Rechte selber nehmen.

Bemerkenswert ist ihre über Jahrzehnte enge Beziehung zu spiritischen Bewegungen, die heute als ganz absurd gelten würden, im 19. Jahrhundert sich aber als Teil des gesellschaftlichen Fortschritt fühlte. Im Buch wird dies eher angedeutet, anderswo (z.B. hier) scheint mir die Erklärung klarer: Wenn die Technik auf einmal jemand erlaubt, jemand anders 1000de Meilen weiter anzurufen, während vorher nur face-to-face-Kommunikation möglich war, ist die Idee, mit jemand noch weiter draussen, „in einem anderen Ort“, zu kommunizieren, nicht so absurd, sondern in gewisser Weise eine Fortschreibung des Fortschrittsglaubens. Insoweit passt der Spiritismus Woodhulls in ihr Leben.

Egal: Ich will gar nicht das Leben von Woodhull nacherzählen, das Buch macht das selber gut. Es ist wirklich sehr flüssig geschrieben, bedarf keiner Übertreibungen oder gar dem Versuch – der halt andere Biographien prägt – sich „in die Person einzufühlen“, d.h. ihr irgendwelche Gedanken anzuinterpretieren. Die Autorin bleibt bei den Fakten, die an sich spannend genug sind; nur in der Einleitung und im Nachwort trifft sie persönliche Einschätzungen. Auffällig ist, dass das Buch ohne Anmerkungsapparat oder Literaturverzeichnis auskommt. Das ist mit Sicherheit der Form des Buches, als Einwurf in den Buchmarkt für eine kurzen Periode, zu verdanken. (Die Autorin schreibt auf ihrer Homepage zu beiden ihrer Biographien, dass die jetzige Publikationen eine gekürzte Fassung des ersten Buches ist, welche wiederum ihre Dissertation darstellte, in der sich wohl diese Nachweise finden, https://vicwoodhull.wordpress.com/das-aufsehen-erregende-leben-der-victoria-woodhull/)

Gleichzeitig bin ich sehr froh, über Woodhull informiert worden zu sein. Der titelgebende Wahlkampf als erste Präsidentschaftskandidatin in den USA (bevor Frauen überhaupt wirklich wählen durften) ist in diesem Leben nur eine kurze Episode. Aber auch die ist erstaunlich: Woodhull formte mit anderen Radikalen eine Sektion der ersten Internationale, die allerdings von dieser wieder ausgeschlossen wurde (aber der die meisten Radikalen in New York folgten), gründete anschliessend die „Equal Rights Party“ und trat für diese 1870 als Kandidatin an, um ein Zeichen zu setzen. Als Vize-Kandidat wurde – ungefragt – Frederick Douglass, einer der damals einflussreichsten Abolitionisten gewählt; aber dies in Konkurrenz, beispielsweise zu Spottet Tail, einem American Native und Vertreterin und Vertreter der spiritistischen, kommunistischen und anderer progressiver Strömungen; viele von Ihnen wären wohl auch die „ersten“ gewesen. Schon diese Aufzählung zeigt, wie bunt und aktiv die radikalen Bewegungen damals schon waren (heute ist das Bild ja oft auf Abolitionismus, Suffragetten – aber entradikalisiert als reine Frauenwahlrechtsbewegung – und Arbeiterbewegung reduziert; da braucht niemand denken, dass wäre erst heute erdacht worden).

In dunklen Zeiten wie der unseren, erinnert das Buch (jetzt) daran, dass die progressiven Strömungen in den USA ebenso eine lange Geschichte haben, wie der Nativismus, Rassismus und gesellschaftliche Rückschritt. Es zeigt aber leider auch, dass die sozialen Kämpfe schon lange geführt werden und immer noch nicht zu einem guten Ausgang geführt wurden.

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